15.09.2004: Modische Gratwanderung

Kronprinz Haakon und Kronprinzessin Mette-Marit - Foto: dana press

Die Norwegische Zeitung VG beklagte in der letzten Woche den "Tanten-Look" von Kronprinzessin Mette-Marit. Dabei ist gerade in Norwegen der Kleiderstil der Royals ein Balaceakt.

Als Kronprinzessin Mette-Marit zu Beginn ihrer Beziehung mit Kronprinz Haakon und während der ersten beiden Ehejahre mit ihrem Kleiderstil experimentierte und auch flippige Kombinationen trug, wurde sie in der Europäischen Presse zur Stilikone gekürt. In Norwegen, besonders in den ländlichen Gegenden, wurden hingegen gelbe oder goldfarbene Stiefel und modische Outfits mit grafischen Mustern kritisiert. Nicht königlich genug, hieß es.

Wohl auf Anraten des Hofes trägt Kronprinzessin Mette-Marit jetzt gedeckte Farben in beige, braun, schwarz oder dunkelblau. Als einzigen Aufheller findet man wollweiße oder pastellfarbene Töne. Eine gelbe oder hellgrüne Handtasche zählt zu den wenigen mutigen Farbtupfern, den sie sich leistet. Jacken, Hosen und Röcke wählt sie so, dass sie problemlos miteinander kombiniert werden können und das Budget nicht über Gebühr strapazieren. Denn Norwegens Medien rechnen gerne nach, wie viel die Kronprinzessin für Kleider, Schuhe und Accessoires ausgegeben hat oder haben könnte. Schon ein etwaiger Anflug von "Verschwendungs-sucht" wird sofort streng getadelt. 

Mit den durchgestylten Kolleginnen in Dänemark oder Spanien kann es Norwegens Kronprinzessin in Sachen Mode heute nicht aufnehmen. Das bemerken jetzt natürlich die Medien im eigenen Land auch und wünschen sich doch wieder eine buntere Mette-Marit, zumindest diejenigen, die eher das Städtische Leben gewohnt sind. Osloer Modeexperten melden sich zu Wort und empfehlen eine grundlegende Änderung der Garderobe. Es fehle an Pfiff und Farbe, heißt es.

Und damit sitzt Kronprinzessin Mette-Marit regelrecht in der Mode-Falle. Ihren persönlichen Stil konnte sie nie entwickeln, weil sie deswegen von Anfang an kritisiert wurde. Teuere und hochmodische Designerkleider sind für ein volksnah geltendes Königshaus ebenfalls tabu. Es könnte gar als dekadent interpretiert werden. Davon abgesehen hat Norwegens Kronprinzessin im Vergleich zu ihren europäischen Kolleginnen bei weitem nicht das "Gehalt" für teure Einkauftouren zur Verfügung. Was dem einen gefällt, finden die anderen schrecklich. Fordern die einen gar einen eigenen Stylisten für die Kronprinzessin, sagen die anderen, man dürfe das Geld nicht zum Fenster hinaus werfen. Was also tun?

Die Antwort ist einfach, nämlich nichts. Denn unverkennbar entwickelt sich Kronprinzessin Mette-Marit zu einer vollkommen eigenständigen Persönlichkeit, die keinem Trend hinterher läuft. Sie hat ihren Platz innerhalb des Königshauses gefunden und erfüllt ihren Terminkalender Charme und großem Einfühlungsvermögen. Durch die Arbeit für den eigenen Humanitären Fond, den das Kronprinzenpaar am Tag ihrer Hochzeit gegründet hat, fand sie ein Aufgabengebiet, das sie erfüllt und aktiv werden lässt und ihren Kindern Marius und Ingrid Alexandra ist sie, für alle sichtbar, eine wundervolle Mutter.

Freuen wir uns also über eine einzigartige Kronprinzessin Mette-Marit und beobachten wir gespannt ihre weiteren Aktivitäten, bevor wir vorschnell urteilen.  


Mette-Marit: Norwegens starke Kronprinzessin
Archivübersicht September 2004