24.09.2004: Interview Kronprinzessin Mette-Marit

Dieses Engagement kommt aus tiefstem Herzen. Kronprinzessin Mette-Marit macht sich auf, Norwegens Stimme für benachteiligte Menschen zu werden.

Links: Kronprinzessin Mette-Marit auf dem Titelblatt des Magazins des Rates für Psychisch Kranke in Norwegen.

Als Schirmherrin des Rates für Psychisch Kranke und der TV-Spendenaktion "Hjerterom" arbeitet sie unermüdlich, und, wie sich erst jetzt herausstellte, zumeist im Hintergrund, ohne öffentliches Aufsehen.

Wie sehr sich Kronprinzessin Mette-Marit einsetzt, wie viel Wissen sie sich aneignete, verdeutlichte ein Interview, dass sie für das Magazin des Rates für Psychisch Kranke gab. In ihrem Büro, in dem Fachzeitschriften griffbereit liegen, stand sie offen, selbstsicher und präzise vorbereitet Rede und Antwort.

Kronprinzessin Mette-Marit: "Es ist sehr leicht im Leben einen Fehler zu begehen, und davor müssen wir Respekt haben. Die Arbeit mit der jährlichen TV-Spendenaktion hat mich vielfach berührt. Da gab es viele starke Begegnungen."

Einige Momente dieser Begegnungen werden Mitte Oktober im norwegischen Fernsehen in einer Dokumentation zu sehen sein. Außerdem folgt das Kronprinzenpaar dem Aufruf der TV-Spendenaktion an die Nation, Menschen in Not zu einem Gastmahl einzuladen. In Skaugum, dem Wohnsitz des Kronprinzenpaares, werden psychisch Kranke von Kronprinz Haakon und Kronprinzessin Mette-Marit willkommen geheißen.

"Norwegen kann stolz sein, wenn wir durch diese TV-Aktion zeigen, dass wir Menschen wahrnehmen, die es im Leben nicht leicht haben", sagte Kronprinzessin Mette-Marit im Interview.

Ihre erste Schirmherrschaft als Kronprinzessin übernahm Mette-Marit im Jahr 2001, kurz nach der Hochzeit mit Kronprinz Haakon. Dies war für den Rat für Psychisch Kranke. "Ich sagte zu, weil ich unbedingt mehr über dieses Thema lernen wollte und weil ich fand, dass es wichtig war, sich dafür zu engagieren. Viel zu lange war das Thema mit Tabus belegt. Auch heute noch, obwohl sich öffentliche Personen zu diesen Problemen bekennen," begann Kronprinzessen Mette-Marit mit erstem Blick.

Nach ihren Möglichkeiten zur Veränderung der Einstellung der Öffentlichkeit zu diesem Thema, gab sie sich bescheiden: "Ich kann eigentlich relativ wenig tun, außer mich zu engagieren und wie ein Suchscheinwerfer immer wieder auf dieses Thema aufmerksam zu machen. Aber es ist wichtig daran zu glauben, dass man etwas machen kann, etwas sinnvolles."

Zum ersten Mal gehen die Erlöse der landesweiten TV-Spendenaktion zu Gunsten der Bekämpfung psychischer und sozialer Not. Man merkt wie  froh die Kronprinzessin über diese Entscheidung ist: "Ja, das ist wirklich etwas besonderes. Es ist einfach wichtig den Einsatz der Kirchlichen Mission und des Rates für Psychisch Kranke zu unterstützen. Ich bin davon überzeugt, beide Organisationen spielen hier eine wichtige Rolle in der heutigen Gesellschaft."

Die diesjährige TV-Spendenaktion hat sich mit "Hjerterom", was soviel heißt wie "Raum im Herzen", als großes Ziel gesetzt, Norwegen zu einem großzügigeren Land zu machen und die Herzen der Landsleute zu öffnen.

"Das schöne an dieser TV-Aktion ist gerade, dass sich das ganze Volk engagiert und auf diese Weise ein großer Baldachin über die Aktion gespannt und Geld eingesammelt wird. Das Gastmahl ist ein wunderbarer Treffpunkt, wo sich Menschen begegnen, die sich anderweitig nicht treffen würden. Man lernt voneinander und über den anderen. Gerade dies ist, so glaube ich, wichtig. Es kann uns alle erfassen und wir können erkennen, das das Thema alle angeht", erklärte Kronprinzessin Mette-Marit.

Einige Tage vor der Taufe von Prinzessin Ingrid Alexandra nahm Kronprinzessin Mette-Marit, zur größten Freude der Teilnehmer, an einem Gastmahl in Tøykirken in Oslo teil. Sie saß zusammen mit allen anderen Gästen am langen Tisch und unterhielt sich angeregt. Im Interview erzählte sie von ihren neuen Freunden Cicilie, Jan Helge und Willy, die auch am Gastmahl teilnahmen. Sie sind es auch, die für Kronprinzessin Mette-Marit für die TV-Dokumentation aus ihrem Leben erzählten.

"Die drei sind ganz unterschiedliche Menschen mit völlig verschiedenem Hintergrund, von denen ich viel gelernt habe. Cicilie war frührer drogenabhängig und fand Hilfe im Ringve Hof in Trondheim. Jan Helge, der an schweren Depressionen litt und jahrelang von großer Angst geplagt war, arbeitet heute bei Sirkulus in Trondheim. Jan Helge hat mich schwer beeindruckt. Genauso wie Willy", Kronprinzessin Mette-Marit lachte als sie über ihn sprach. "Er ist unglaublich toll! Willy ist 86 Jahre alt und besucht, seit seine Frau gestorben ist, regelmäßig das Tageszentrum der Kirchlichen Mission. Dort hat er die Möglichkeit der Einsamkeit zu entfliehen."

Im vergangenen Jahr, kurz vor Weihnachten, hielt Mette-Marit eine Rede über Psychische Erkrankungen und sprach davon, dass niemand im Leben davor gefeit sei, psychische Schmerzen zu durchleben.

"Seit ich die drei kennen gelernt habe, hat sich dieser Eindruck sogar verstärkt", erläuterte Mette-Marit ihre Worte von damals. "Es ist auch sehr wichtig zu verstehen, dass es eine sehr enge Gradwanderung in die eine oder andere Richtung ist. Mein Eindruck wiederholte sich, als ich das Übernachtungsheim der Kirchlichen Mission besuchte, eine Anlaufstelle für Prostituierte. Es war unglaublich für mich zu erkennen, wie leicht man in etwas hineinschlittern kann. Es sind nur zwei falsche Schritte und man findet sich in Situation wieder, in die man sich nie gewünscht hätte. Es ist sehr leicht einen Fehler zu begehen - und davor müssen wir Respekt haben."

Kronprinzessin Mette-Marit hat sich auch damit beschäftigt, warum so viele Kinder heute in psychiatrischer Behandlung sind und doch nicht aufgefangen werden.

"Wir müssen Kinder beachten und sie ernst nehmen. Zu Hause und in der Schule", mahnte sie mit Nachdruck. "Es ist äußerst wichtig Kinder ernst zu nehmen, wenn sie mit uns reden. Auch meine ich, dass es wichtig ist, Kinder und Jugendliche in Psychiatrien vorrangig zu behandeln. Psychiatrien müssen auch selbst Verantwortung übernehmen und ihnen die ganze Aufmerksamkeit widmen."

Auch in Norwegen sind Kinder und Jugendliche täglich einem immer stärkeren Druck ausgesetzt perfekt in der Gesellschaft funktionieren zu müssen. Viele durchleben deshalb bereits Ängste. "Allerdings!", bestätigte Kronprinzessin Mette-Marit mit einem wissenden Blick. "Ich glaube sehr wohl, dass dieser Druck zur psychischen Problemen führen kann. Ich denke nicht, dass wir als Gesellschaft auf Ideale setzen sollen, die nicht erfüllbar sind. Ich halte es für sehr wichtig, junge Menschen zu stärken und an sie zu glauben. Wir sollten sie lehren, andere zu respektieren und ihnen gleichzeitig zu verstehen geben, dass wir alle verschieden sind."

Mette-Marit erzählte weiter: "Uns selbst zu akzeptieren ist sehr wichtig. Wir können für andere gute Vorbilder sein, wenn wir uns selbst mögen."

Als Kronprinzessin erfährt Mette-Marit heute ein sehr kontrastreiches Leben. Heute ein feierlicher Empfang im Schloss, morgen ein Besuch in einem Heim für Obdachlose. Ob es den schwierig sei, damit umzugehen, wurde sie gefragt. "Darüber habe ich nie nachgedacht", antwortete sie. "Wir sind alle Menschen mit unserer eigenen Geschichte und unserem eigenen Alltag, der für jeden kontrastreich ist. Der Rahmen mag vielleicht verschieden sein, aber alle Treffen geben mir viel. Mein Leben bleibt viel mehr interessant, wenn ich an dieser Einstellung festhalte."

Auf die Frage, wie sie selbst ihre psychische Verfassung einschätze, fiel Kronprinzessin Mette-Marit vor Lachen fast vom Stuhl, bevor sie antwortete: "Meine gesunde mentale Verfassung bewahre ich mir am besten mit einem Spaziergang durch den Wald. Das ist eine typisch norwegische Antwort, aber es ist die Wahrheit. Im Wald atme ich durch und entspanne mich. Es ist schon wichtig, sich seinen eigenen Freiraum zu schaffen."

Für einen kurzen Augenblick dachte Kronprinzessin Mette-Marit nach und fuhr schließlich fort: "Ich arbeite aktiv an meiner eigenen Einstellung, das ist anspruchsvoll. Gerade die diesjährige TV-Spendenaktion hat mich verstärkt dazu angehalten, über meine eigene Einstellung nachzudenken. Jeder Mensch befindet sich in einer dauerhaften Entwicklung. Ich habe in den letzten Jahren viel gelernt."

Zum Abschluss des langen Gespräches wurde Kronprinzessin Mette-Marit nach ihrem Wunsch für die große TV-Aktion gefragt. "Ich möchte Sie alle auffordern ihr Herz zu öffnen - Zeigen Sie, dass Sie Platz im Herzen haben!" - rief sie auf.


Webseite des Rates für Psychisch Kranke (Link)
TV-Dokumentation mit Kronprinzessin Mette-Marit
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