26.10.2004: Ein Kronprinzregent ohne Flagge

Eigentlich brauchen die Norweger nur auf das Dach des Königlichen Schlosses zu blicken um zu sehen, wer gerade die Regentschaft inne hat - der König, der Kronprinzregent oder keiner von beiden.

Wenn am Wochenende König Haakon und Königin Sonja zum Staatsbesuch nach Singapur aufbrechen, übernimmt Kronprinz Haakon in Norwegen das Ruder, so wie es die Verfassung vorsieht. Er ist in der Zeit der Abwesendheit seines Vaters formell der Kronprinzregent.

Auf dem höchsten Giebel des Daches des Osloer Königsschlosses wird dann die Flagge des Königs eingeholt und die Flagge des Kronprinzen aufgezogen. Nicht so dieses Mal. Denn wegen dringender Reparaturarbeiten muss von 25. Oktober bis 2. November die Flaggenstange abmontiert werden, wie das Königshaus offiziell mitteilte. Weder Touristen noch Einheimische können dann auf den ersten Blick sehen, wer zur Zeit das Zepter in der Hand hält.

Die Königsflagge ist von weitem an dem leuchtenden rot zu erkennen. In der Mitte hält ein aufrecht stehender Löwe, mit Krone auf dem Haupt, ein Beil in der rechten Hand. Die Flagge des Kronprinzen unterscheidet sich vom Motiv nicht von der des Königs. Das Erkennungsmerkmal ist jedoch die spitze Einkerbung der Fahnenseite, die besagt, das derzeit der Thronfolger der erste Mann im Staat ist.

Für die Norweger ist der kurzfristige Wechsel der Regentschaft nichts ungewöhnliches. Anders war es, als Kronprinz Haakon seinen Vater, der Ende des Jahres 2003 an Krebs erkrankte, einige Monate vertreten musste. Da mischte sich die Sorge der Landsleute um den geschätzten Monarchen mit der Neugierde, wie wohl sein Sohn das Amt leiten würde. Der Kronprinzregent meisterte seine Aufgabe sehr gut und hat nicht zuletzt deshalb großen Respekt gezollt bekommen auch wenn alle erleichtert waren, als die Königsflagge wieder aufgezogen werden konnte.

Sollten wider Erwarten einmal der König und der Kronprinz außer Landes sein, weht übrigens die Flagge Norwegens auf dem Schloss. Das wird wohl den Republikaner unter den Royalisten besonders gut gefallen.


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